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Produktleistung ist nicht Nutzen - https://marketing-neu-denken.de


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Dann belügen sich
die Marketingleute also selbst?

8. - 15. Kapitel


8. Preis und Leistung sind Konzepte aus Anbietersicht

Einen Kunden mit Produktleistungen zu konfrontieren,
überlässt ihm in den meisten Fällen
das Nachdenken über den Nutzen für ihn selbst",
fuhr der Referent fort.

Manchmal vermag er selbst den Bezug zu seinem Alltag
gar nicht ohne weiteres herzustellen;
in den anderen Fällen erfordert es eine Denkleistung –

und weil unser Gehirn,
wie ich im Workshop heute Abend erläutert habe,
angesichts seiner starken Dauerbeanspruchung
ökonomisch arbeiten muss,
findet diese Denkleistung nicht statt.

Das Gehirn des Kunden bzw. des potenziellen Kunden
hat Dringenderes zu tun
als die Dechiffrierung eines Leistungskatalogs in Bezug auf seinen Alltag.

Der Leistungskatalog bleibt ohne Wirkung.“
 
„Dann sollten wir demnach nicht vom Preis-/Leistungsverhältnis,
sondern lieber vom Preis-/Nutzenverhältnis reden?

Denn Nutzen ist ja der Bezug der Produktleistung
auf die Bedürfnisse des Kunden“,
folgerte ein Gesprächsteilnehmer.


9. Produktnutzen statt Produktleistung

Der Referent nickte heftig, nahm seine Überlegungen
aber sofort wieder auf:
„Das ist der erste Teil
der Korrektur unserer Perspektive.

Der zweite Teil besteht darin,
den Begriff des Preises aus Kundensicht zu ersetzen.

Denn der Preis ist das,
was der Anbieter für sein Produkt fordert;
ich korrigiere:

Der Preis ist nur  das,
was der Kunde dem Anbieter zahlen muss.

In vielen Fällen ist es für den Kunden damit
aber noch nicht getan.
Bis er in den Genuss des Produktnutzens kommt,
muss er meistens einen gewissen Aufwand leisten – zusätzlich zum Preis.“
 
 Die Gesprächspartner pflichteten ihm bei:
„Die Beschaffung des Produktes
kann aufwendig sein“, sagte einer.

„Die Bedienung ist oft gar nicht einfach,
auch wenn da mit ‚intuitiver Benutzerführung‘
argumentiert wird“, meinte ein anderer.

Der Dritte ergänzte:
„Und die geschriebenen Anleitungen
sind selbst für mich -
ich bin  technisch durchaus bewandert -
wegen der vielen neuen Begriffe
oder miserablen Übersetzungen
oft eine Zumutung;
das gilt manchmal auch für die Beschriftung
der Bedienungsfelder im Display!

Viele Hersteller wollen da offenbar
mit neuen Begriffen fortschrittlich wirken.“


10. Aufwand der Beschaffung statt Preis

„Ja, das kann ein Grund sein“,
bestätigte der Referent;
„ich vermute in den meisten Fällen allerdings,
dass sich die Techniker mit ihrer Fachsprache
durchgesetzt haben und
die Marketingleute schon so betriebsblind sind,
dass sie die Kundenferne dieser Sprache
gar nicht mehr wahrnehmen.

Das Problem ist ja bekannt:
Auch Marketingleute reden mehr
mit den Kollegen in der Firma als mit ihren Kunden.

Als Ersatz dienen Gespräche mit dem Vertrieb,
doch daraus resultieren andere Fehlperzeptionen,
die die Kundenmeinung systematisch verzerren
(das wäre wohl ein Thema für einen anderen Vortrag).

Es wäre gar nicht irreführend,
Marketing als Kampf gegen die Betriebsblindheit
zu definieren –
daraus würden sich ganz andere Schwerpunkte
der Marketingarbeit ergeben.“

 „Kommen wir zurück auf das Konzept des Preis-/Leitungsverhältnisses“,
ermahnte  der Referent sich selbst.

„Nach allem, was wir jetzt gesagt haben,
sollten wir – aus Kundensicht – lieber vom
 Aufwand-/Nutzenverhältnis  sprechen.

Damit hätten wir die Kundenperspektive
besser eingefangen,
es würde den Blick direkt auf den Kunden
und seine Situation richten
und damit unserer Marketingarbeit
einen größeren Kundennutzen verleihen:

dem Kunden Orientierung geben
bei seiner Wahl.“

Die Gruppe empfand
die Relevanz dieser Überlegungen,
ohne sie natürlich gleich umsetzen zu können.

Ein Teilnehmer meinte:
„Bei mir bewirken diese Gedanken eine Art Reset.

Es ist wie ein Neustart, nachdem wir uns
in unserer täglichen Arbeit immer nur
mit der Weiterentwicklung unserer Aktivitäten
befasst haben
und dabei vielleicht
den Grundgedanken des Marketing
ein wenig aus den Augen verloren haben.“


11. Die „Kompetenzen“ der Anbieter

Produktleistung  versus Produktnutzen -
im Zusammenhang damit wollte der Referent noch
auf das Konzept der Kompetenz  zu sprechen kommen:

„Gerade Dienstleister präsentieren oft
lange Listen ihrer „Kompetenzen“,
verbunden mit Ausbildungen und Erfahrungen,
die hinter ihnen liegen; sie sollen
ihre besondere Leistungsfähigkeit belegen.

 Ich blende mal zurück auf den lateinischen Ursprung
des Wortes Kompetenz; es kommt vom Verb competere,
das gibt es noch im Italienischen,
und seine Bedeutung spiegelt sich heute
im englischen to compete.
Wir kennen das Substantiv competition,
was uns auf den Wettbewerb verweist.

Wenn Kompetenz und competition
so eng miteinander verwandt sind,
dann bedeutet das nichts anderes, als dass mit Kompetenz
nicht nur ein kontextunabhängiges Leistungspotenzial gemeint sein kann, sondern dessen
Wettbewerbsrelevanz .

Wettbewerbsrelevant an einem Leistungspotenzial ist nur das, was dem Kunden einen konkreten Nutzen  bringt.“

An dieser Stelle lachte der Referent kurz.
„Ich erinnere mich gerade daran, dass ich mich
in einem Strategieseminar für Hausärzte einmal
sehr unbeliebt mit diesen Überlegungen gemacht habe.

Ich hatte die Teilnehmer zunächst gebeten,
ihre besonderen Kompetenzen aufzuschreiben.
Das Ergebnis war wie erwartet:
Da standen lange Aufzählungen von Spezialausbildungen und von diagnostischen Geräten in ihrer Praxis.

Waren das die Gründe,
weshalb ihre Patienten zu ihnen kamen?
Nein, für die meisten Patienten nur teilweise,
die konnten das im Einzelnen gar nicht bewerten.

Die besondere Wettbewerbsfähigkeit einer Praxis
bestand für sie oft in sehr viel banaleren Gegebenheiten, z.B. der Freundlichkeit der Assistentinnen
oder der simplen Tatsache, dass der Bus
gerade vor dem Haus des Arztes hielt.

Das war für die Teilnehmer des Strategieseminars
zwar einsichtig, aber ziemlich ernüchternd …

Wenn wir es boshaft formulieren wollen:
Lange Kompetenzlisten in der üblichen Form
dienen oft eher der Einschüchterung des Kunden
denn als Entscheidungshilfe für ihn.“


12. „100 Jahre Erfahrung“ - ein Kompetenzbeweis?

„Ich denke das oft, wenn ich etwas von
‚150 Jahren Erfahrung‘
in einem bestimmten Geschäft lese,“
steuerte ein Gesprächspartner dazu bei.

„Mit 150 Jahren Tradition könnte ich mehr anfangen,
die haben etwas zu tun mit Unternehmenskultur,
mit Kontinuität auch in der Qualität.“

Die anderen nickten.

Wie unreflektiert werbliche Argumentationen
mit „Erfahrung“ sein können,
illustrierte der Referent an einem eigenen Erlebnis:

„Vor etlichen Jahren sprach ich mit einem Personalberater über eine Position in einem anderen Unternehmen,
die mich interessierte.

Ich stellte meine damals zehnjährige Erfahrung
in meinem Job heraus. Er fragte mich:

„Zehn Jahre Erfahrung oder eher ein Jahr,
das Sie 10x wiederholt haben?“

Worauf kommt es bei Erfahrungen meistens an?

Auf die Vielfalt – und dann noch auf die Aktualität.
Was nützen mir Erfahrungen, die vor x Jahren
unter ganz anderen Bedingungen gemacht worden sind?

Ich habe mich gerade zur Installation einer Photovoltaik-Anlage beraten lassen und Anbieter erlebt,
die die technischen Voraussetzungen
bei meinem Haus gar nicht, und solche,
die sie sehr detailliert geprüft haben.

Ein Unternehmen konnte
auf mehr als 50.000 Installationen
in den letzten Jahren zurückblicken,
und die haben die Bedingungen auch mit Abstand
am umfassendsten untersucht –

sie wussten, was an Unvorhergesehenem geschehen kann, und das hat für mich einen großen Nutzen.“

Am Rande:
Nur ein einziges Mal hat mich
das Argument "Tradition" beeindruckt:

als ein junger Produktmanager von LEGO
seinen Vortrag begann mit den Worten:
"Als wir vor fast 100 Jahren
unsere Firma gründeten ..."





13. Marketing und Positionierung

Nach einem kurzen Verschnaufen aller
meldete sich ein Teilnehmer:

„Wenn ich unsere Diskussion jetzt überblicke,
reden wir eigentlich mehr
über ein spezielles Problem des Marketing
und weniger über Marketing selbst.

Ich habe das Gefühl, dass wir uns weitestgehend
nur mit Positionierung beschäftigt haben.
Was meint ihr?“

Er wandte sich an die anderen.
Einige nickten mit dem Kopf.
  
„Hm, ja, Sie sprechen etwas Wichtiges an.
Ich mache Ihnen eine Vorschlag
zur Auflösung Ihres Problems.
Was halten Sie von folgender Aussage:

 Marketing ist das Handwerk
zur erfolgreichen Kommunikation
einer Produktpositionierung im Markt.
  
Der Referent ließ den Satz wirken.

Nach einer Weile meinte ein Teilnehmer:

„Nach meinem Gefühl ist da etwas dran,
es hört sich auf jeden Fall spannend an,
man müsste sich das genauer vor Augen führen.
Eines gefällt mir auf jeden Fall daran:
Es grenzt die Marketingarbeit gut vom Vertrieb ab.“

„Ja, das ist ein Aspekt“, sagte der Referent.
„Fruchtbar wird der Gedanke,
Marketing als Handwerk zu verstehen vor allem,
wenn wir den Blick auf die vielen Beteiligten richten:
Was muss jeder von ihnen liefern,
damit daraus ein Gesamtprodukt ‚Marketing‘ entsteht?

Sie erinnern sich: Wir haben vorhin
Marketing als Produkt eines Unternehmens bezeichnet,
das der Kunde mitbezahlt,
indem er dafür einen Teil des Preises entrichtet.
Und das führt uns zurück zur Eingangsfrage:

Was hat der Kunde vom Marketing – jetzt genauer:
Welchen Nutzen stiftet ihm Marketing?
  
Es ist Zeit, sich noch mit dem Nutzen zu beschäftigen.

Wir hatten schon festgestellt:

Gutes Marketing soll den Kunden ohne Qual
erfolgreich zur Wahl des richtigen Produktes führen –
und zum erfolgreichen Umgang damit beitragen,
würde ich jetzt ergänzen.
















14. A propos Design

Da fällt mir ein Stichwort ein: Design.

Design ist eine extrem wichtige Marketingkategorie,
und zwar in beiderlei Hinsicht:
Erleichterung der Produktwahl,
erfolgreicher Umgang mit dem Produkt.

Design bezeichne ich gern als
Körpersprache des Produktes.

Oft stellt sich für uns die Verpackung
beim Kaufentscheid als das Produkt selbst dar,
weil wir in dieser Situation häufig
nur die Verpackung wahrnehmen.

Vielfach genießt die Verpackung leider nur ein
Aschenputtel-Dasein in dem Sinne,
dass sie zwar schön oder wertvoll wirkt,
aber keine Produktbotschaft
im Sinne einer spezifischen Positionierung sendet.

Oder, oft genauso fatal:

Das Produktmanagement ist überzeugt,
das Packungsdesign muss geändert werden;
es sei nicht mehr „aktuell“.

Das Resultat: Verbraucher finden
das Produkt kaum noch im Regal;
in fast allen Fällen wird ein neues Packungsdesign
zudem mit einer Produktänderung assoziiert.
 
 Die Pharmaindustrie kann davon ein Lied singen:
Nach einer Änderung des Packungsdesigns
nehmen regelmäßig die Nebenwirkungsmeldungen zu.

Änderungen des Packungsdesigns dienen leider oft
als Tätigkeitsnachweis des Marketings.

Vor Jahren gewann Nivea
den Deutschen Marketingpreis.
Ich erinnere mich noch gut an den Vortrag
des damaligen Marketingvorstandes.

Es war die Zeit, als mehrere Konkurrenten Nivea
den seit Jahrzehnten angestammten Platz
als pflegende Kosmetik für den Alltag
streitig machen wollten.

Besonders aggressiv gegen Nivea
in der klassischen blauen Blechdose
trat Creme 21 von Henkel mit seiner leuchtend
signal-orangenen Plastikpackung auf.

Creme 21 sollte das Nivea
für moderne junge Leute werden.

Creme 21 hatte eine Zeitlang
einen sicher teuer erkauften Erfolg;
doch Nivea ließ sich nicht aus der Ruhe bringen.

„Eine beträchtliche Fraktion im Unternehmen
wollte auch Nivea in Plastikdosen
mit einer modernen Farbgebung anbieten –
doch wir blieben beim Everblue“,
führte damals der Marketingvorstand aus.

„Und schauen Sie heute
in die Regale der Drogeriemärkte:

Da residiert Nivea majestätisch
zwischen all dem kunterbunten Allerlei!“


15. Design und Produkterwartung

„Es ist oft sehr schwierig, ein Produkt- oder Packungsdesign zu entwickeln,
das der Positionierung des Produktes nicht nur entspricht,
sondern sie geradezu sendet.

Ein herausragendes Beispiel für gelungenes Design bietet uns Nespresso,
und zwar von A bis Z.

Waren Sie einmal in einer Nespresso Boutique,
zum Beispiel in Hamburg oder in München?

Das Ladendesign, Typ und Outfit der Mitarbeiter,
deren Verhalten, der Umgang mit dem Kunden,

die leichte Sonderbehandlung der Nespresso Club-Mitglieder,
das Angebot, einen Kaffee gratis zu verkosten
oder einfach zu genießen –
da stimmt alles.

George Clooney lässt grüßen!

Das beste und vielleicht auch erfolgreichste Hilfsmittel zur Markengestaltung inklusive Design
das ich kenne, ist das Anthroprofil® des Anthropologen Rudolf Vogl.

Es handelt sich dabei um ein neurowissenschaftlich basiertes Tool
zur Beurteilung und zur Gestaltung stimmiger Markenauftritte -
und das Beste daran:
Es ist recht unkompliziert in seiner Anwendung.

Design weckt eine Produkterwartung,
und weil dies so wichtig ist, erzähle ich Ihnen eine Geschichte aus meiner Vergangenheit.

Als Student durfte ich in einem kleinen,
aber feinen Marktforschungsunternehmen mitarbeiten.
Einer der Stammkunden, eine renommierte Kosmetikfirma,
hatte die Idee einer Badeserie
für die nicht mehr so junge, sehr gepflegte Dame,
die auch gern etwas mehr Geld für anspruchsvolle Produkte ausgibt.

Ein sehr passender Markenname war bereits gefunden: Lady Ascott,
eine Anspielung auf das erlesene Publikum der berühmten Pferderennen in Ascott.

Die zur Serie gehörende Seife war
in einer wunderschönen pastellfarbenen Faltschachtel verpackt;
abgebildet war darauf eine das Porträt einer überaus eleganten Dame
mit einem schicken breitrandigen Sommerhut.

Die Faltschachtel löste beim Test Begeisterung aus –

die brach jedoch jäh zusammen,
als die Testpersonen die Seife auspackten:

Sie zogen einen dünnen, verknitterten und knisternden Plastikschuber aus der Packung.
Die meisten Testpersonen holten die Seife nicht einmal aus dem Plastikschuber,
sondern steckten sie entgeistert zurück in die Faltschachtel:

Tod einer Produktidee.

 Ich habe später gelernt:
Enttäuschungen sind kaum wieder gut zu machen.

Der Anwendungsbereich eines Produktes, das Erwartungen erfüllt,
wird häufig von den Kunden selbst ausgeweitet;
sie probieren aus, ob das Produkt auch in anderen Fällen
erfolgreich eingesetzt werden kann.

Scheitert der Versuch, ist das nicht weiter schlimm;
der Kunde fühlt sich selbst für das Scheitern verantwortlich.

Entpuppt sich dagegen eine  Produkterwartung als überzogen,
so ist das Produkt oft weg vom Fenster;
es hat quasi Vertrauen gebrochen,
und viele Kunden reagieren dann sogar ausgesprochen aggressiv.“

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